miniBTX:
Viel ist nicht geblieben vom Bildschirmtext, außer ein par tot herumliegende BTX-Terminals. Aber genau diese Terminals (Multitel, Multikom, BtxTV um nur einige zu nennen) sind eigentlich eine spannende Sache - wenn man es schaffen würde sie wieder sinnvoll mit Daten zu versorgen. Ein solches Vorhaben verlangt aber ein par besondere Tricks. Zum einen muss man sich verhalten wie ein
DBT-03, zum anderen muss man aber in der Lage sein die CEPT-Sprache zu sprechen. Kurz gesagt: Wir müssen so tun als seien wir die BTX-Zentrale von damals. Um genau das zu tun habe ich eine kleine Schaltung entwickelt: miniBTX. Das miniBTX-Modul hat auf der einen Seite eine serielle V24 Schnittstelle und auf der anderen Seite ein
DBT-03 Interface. So kann man einfach ein BTX-Terminal an einen PC anschließen und CEPT-Seiten senden. Die Daten werden einfach von der V24 Schnittstelle übernommen und über das
DBT-03 Interface an das Terminal weitergereicht.
Wie es funktioniert:
Die Aufgabe ist nicht ganz trivial. Das
DBT-03 war ein V23 Modem mit einer Geschwindigkeit von 1200Baud in Teilnehmerrichtug und 75Baud in Richtung Netz. Eine solche Baudratenkonfiguration bringt natürlich Probleme mit sich da der PC nur symetrische Baudraten beherrscht. Das andere Problem ist die Einwahlprozedur. Das Terminal erwartet zu Anfang Hörtöne (Zumindest ihr Rechteckspendant) auf der Leiung. Diese ganzen Besonderheiten erledigt hier ein Mikrocontroller (ATmega8). Die Signalleitung die vom Terminal auf High-Pegel gezogen wird ist direkt mit der Reset-Leitung des Controllers verbunden. Das ist erstens einfach und zweitens hat man bei jeder Einwahl ins hauseigene BTX-Netzwerk einen frisch gebooteten Controller. Der Controller übernimmt die komplette Einwahlsimulation und schickt, wenn das Terminal bereit ist eine 0x00 zum PC zurück. Dann weiß man das das Terminal jetzt auf Daten wartet. Die Baudrate auf der V24 Seite beträgt 1200 Baud. Da bei der Rückrichtung der Ausgang schneller ist als der Eingang braucht man noch nicht einmal einen FIFO-Puffer. Beim Hinkanal wird das Problem durch adäquate Wahl der Baudrate ebenfalls verhindert. Hier sind die Interfaces gleich schnell. Der Controller selbst läuft mit 16mhz. Die
Schaltung ist so einfach das man sie auf Lochraster oder einem Steckbrett aufbauen kann. Zudem gibt es noch einige zusätzliche Steuerleitungen die einem beim Einbau in embedded Systeme das Leben etwas leichter machen. Ich habe bis jetzt auch kein Layout erstellt. Die Eagle-sch-datei ist aber mit im Paket, so kann jeder sich -falls nötig- sein eigenes Layout erstellen.
PC-Software:
Es wäre zwar möglich in einem Terminalemulator per Hand Zeichenketten einzugeben, aber dies wäre etwas schwierig da sich die CEPT-Steuerzeichen nicht so einfach über die Tastatur eingeben lassen. Zum Testen müsste aber ein Terminalemulator auch funktionieren. Die Datenübertragung war früher durch eine CRC16 und ein blockorientiertes Protokoll gesichert. Benutzereingaben wurden ohne Sicherrung gespiegelt (geechot). Es macht auch in technischer Hinsicht kaum Sinn ein einzelnes Zeichen in einen Block mit CRC16 zu packen. Vor diesem Hintergrund kann man die Blockorientierte Sicherrungsschicht als Option betrachten. Man kann also ohne Probleme einfach so Zeichen an das Terminal senden. Die Zeichen werden sofort auf dem Bildschirm dargestellt. Auch Tastatureingaben zu lesen ist unproblematisch (außer beim BtxTV). Die mitgelieferte Beispielsoftware läuft mit der
libCodebananas Library. Das Testprogramm sendet eine einfache BTX-Testseite und berechnet auf Wunsch auch automatisch die CRC-Prüfsummen. Mit dazu gibts auch einen Satz an Define-konstanten mit CEPT-Steuerzeichen. Die zugrunde liegende Norm heißt übrigens CEPT T/CD 6-1. Diese Information nützt einem allerdings nichts wenn man nicht genau weiß wo und wonach man sucht. Mit normalen Suchmaschinen findet CEPT T/CD 6-1 jedenfalls nicht. Im übrigen bezeichnet man Onleindienste wie BTX auch als "Videotex services" (Nicht zu verwechseln mit Videotext!).
Fazit:
Die miniBTX Schaltung eignet sich hervorragend für freizügige Experimente mit BTX-Terminals. Mit entsprechender Software auf der PC-Seite könnte man sich jetzt seine eigene BTX-Zentrale basteln die zum Beispiel RSS-Feeds in BTX-Seiten verwandelt. Denkbar wäre auch BTX-Terminals zur Steuerrung von Geräten einzusetzen. Der Phantasie sind hier kaum Grenzen gesetzt. Zu beachten ist allerdings das die Terminals leicht unterschiedlich sind. Es kann schnell passieren das eine BTX-Seite auf einem Terminal problemlos angezeigt wird und auf dem anderen nicht. Meist ist die Ursache hierfür eine ungünstige Konstellation an Formatierungen und lässt sich schnell beheben. Leider sind technisch fundierte Informationen über BTX sehr dünn gesät. Die Norm T/CD 6-1 unreißt grob wie die Präsentationsschicht (Wie reagiert das Terminal auf welches Steuerzeichen) aufgebaut ist. Das BTX-System ist verglichen mit herkömmlichen Systemen mit Dumb-Terminals regelrecht komplex. Die grafischen Möglichkeiten eines BTX-Terminals übersteigen die Möglichkeiten eines normalen Terminals um einige Größenordnungen. Man darf nicht vergessen: BTX war zu seiner Zeit ein hochmoderenes Medium bei dem, was das technisch mögliche anbelangte aus dem Vollen geschöpft wurde.
Die wichtigsten Normen lassen sich bei
ETSI kostenlos herunterladen. Die magischen Zahlen nach denen man suchen muss lauten:
T/TE 06-01 / T/CD 06-01 = ETS 300 072
T/TE 06-01 = ETS 300 073
T/TE 06-03 = ETS 300 074
T/TE 06-04 / T/CD 06-04 = ETS 300 075
T/TE 06-05 / T/CD 06-05 = ETS 300 076
Es sei allerdings noch mal darauf hingewiesen das Organisationen wie ETSI, ITU ect. eher Empfehlungen herausgeben. Wie die Implementation dann tatsächlich aussieht entscheidet der Ingenieur der die Implementation umsetzt. Tatsächlich wurde der CEPT-Standart nie vollständig umgesetzt. Der Legende nach ist der MUPID das BTX-Terminal wo der CEPT-Standart am weitesten implementiert ist.
miniBTX ist ein Bestandteil des Bildschirmtrix Projekts. Alle wichtigen Dinge wie PC-Software und Schaltplan findet man in der Bildschirmtrix-Distribution. Achtung: Die mitgelieferte PC-Software sollte man nicht allzu ernst nehmen, sie stammt noch aus der Experimentierzeit wo vieles noch nicht verstanden war. Lieber in die Quellen vom
mikroPAD schauen!
Sämtliche Unterlagen, Quelltexte und Platinenlayouts finden sich in der Bildschirmtrix Distribution, welche
hier heruntergeladen werden kann.